Stell dir vor, du gehst in ein Geschäft und die Verkäuferin folgt dir auf Schritt und Tritt – nicht weil du etwas brauchst, sondern weil sie denkt, du könntest etwas stehlen. Stell dir vor, du wirst bei der Polizeikontrolle angehalten, obwohl du nichts getan hast – einfach weil du anders aussiehst. Stell dir vor, jemand sagt zu dir: „Wo kommst du eigentlich her?“ – und meint damit nicht deinen Wohnort, sondern deine Hautfarbe.
Für viele junge Menschen in Österreich sind das keine hypothetischen Szenarien. Es ist ihr Alltag. Rassismus ist in Österreich ein reales, messbares und für Betroffene schmerzhaftes Problem – auch wenn es manche lieber nicht wahrhaben wollen. Die Zahlen sind eindeutig, die Erfahrungsberichte erschütternd und die Folgen für die psychische Gesundheit wissenschaftlich belegt.
- 72 Prozent der Schwarzen Menschen in Österreich haben Rassismus erfahren – der Anteil ist seit 2016 von 51 auf 72 Prozent gestiegen
- 59 Prozent berichten von Diskriminierung bei der Arbeitssuche – EU-weit der höchste Wert
- 37 Prozent der Schwarzen Schülerinnen und Schüler erleben rassistische Beleidigungen in der Schule
- Nur 9 Prozent der Betroffenen melden rassistische Vorfälle
- Rassismus hat messbare Auswirkungen auf die psychische Gesundheit – besonders bei Jugendlichen
- 69 Prozent der Bevölkerung finden, der Staat sollte mehr gegen Rassismus tun
- ZARA, die Gleichbehandlungsanwaltschaft und der Klagsverband bieten kostenlose Hilfe
Die Fakten – und warum sie uns alle angehen
Die EU-Studie „Being Black in the EU“ der Grundrechteagentur (FRA) liefert erschreckende Zahlen: EU-weit gaben 45 Prozent der befragten Schwarzen Menschen an, in den fünf Jahren vor der Erhebung Opfer von Rassismus geworden zu sein – ein deutlicher Anstieg gegenüber den früheren 39 Prozent.
In Deutschland und Österreich liegt dieser Anteil bei über 70 Prozent. Das heißt: Mehr als sieben von zehn Schwarzen Menschen in Österreich haben in den letzten fünf Jahren rassistische Diskriminierung erlebt. In Österreich ist der Anteil seit der letzten Erhebung 2016 von 51 Prozent auf 72 Prozent gestiegen – ein dramatischer Anstieg, der zeigt, dass sich die Situation nicht verbessert, sondern verschlechtert hat.
Im EU-Vergleich schneiden Österreich und Deutschland am schlechtesten ab. Die geringsten Diskriminierungswerte weisen Polen (20 Prozent), Schweden (25 Prozent) und Portugal (26 Prozent) auf. Rassistische Belästigung und diskriminierendes Profiling sind weit verbreitet, wobei junge Menschen und Personen mit Hochschulabschluss besonders häufig betroffen sind.
Diskriminierung nach Lebensbereichen
Die EU-Studie zeigt detailliert, in welchen Bereichen Schwarze Menschen in Österreich besonders stark diskriminiert werden – und die Zahlen sind in fast allen Bereichen deutlich höher als der EU-Durchschnitt:
- Arbeitssuche: 59 Prozent berichten von Diskriminierung (EU-Durchschnitt: 34 Prozent) – nirgends in der EU fühlen sich Schwarze so stark bei der Arbeitssuche diskriminiert wie in Österreich
- Wohnungssuche: 49 Prozent erlebten Diskriminierung bei der Wohnungssuche (EU-Durchschnitt: 31 Prozent)
- Am Arbeitsplatz: 45 Prozent berichteten von rassistischer Diskriminierung am Arbeitsplatz (EU-Durchschnitt: 31 Prozent)
- Im Bildungsbereich: 42 Prozent erlebten Diskriminierung im Bildungsbereich (EU-Durchschnitt: 18 Prozent)
- Im Gesundheitsbereich: 36 Prozent berichteten von Diskriminierung beim Zugang zu Gesundheitsleistungen (EU-Durchschnitt: 11 Prozent)
Diese Zahlen zeigen: Rassismus durchzieht alle Lebensbereiche in Österreich. Es ist nicht ein Problem einzelner Bereiche, sondern ein strukturelles Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft.
Wie Rassismus im Alltag aussieht
Rassismus hat viele Gesichter – und die meisten davon zeigen sich nicht in offenen Angriffen, sondern in subtilen, alltäglichen Momenten, die sich über die Zeit anhäufen und zermürben.
Alltagsrassismus (Mikroaggressionen)
- „Wo kommst du wirklich her?“ – impliziert: Du gehörst nicht hierher, egal ob du hier geboren bist oder nicht
- „Du sprichst aber gut Deutsch!“ – impliziert: Das habe ich nicht erwartet, denn du siehst nicht „österreichisch“ aus
- Ungebetenes Anfassen von Haaren – die FRA-Studie zeigt, dass über 90 Prozent der Betroffenen davon berichten
- Ständiges Verwechseltwerden mit anderen Menschen gleicher Herkunft – als wären alle Schwarzen Menschen austauschbar
- Im Geschäft verfolgt oder ignoriert werden – je nachdem, was gerade mehr diskriminiert
- Beim Namen übersehen werden, während andere berücksichtigt werden
- Überraschte Reaktionen auf berufliche Erfolge: „Was, du studierst Medizin?“
- Regelmäßig für Servicepersonal gehalten werden, auch wenn man Kundin ist
Institutioneller Rassismus
- Racial Profiling: 58 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr letzter Polizeikontakt diskriminierendes ethnisches Profiling beinhaltete. Das führt zu einem deutlich reduzierten Vertrauen in die Polizei
- Wohnungssuche: Benachteiligung aufgrund des Namens oder Aussehens – fast die Hälfte der Schwarzen Menschen in Österreich erlebt das
- Bewerbungsprozesse: Studien zeigen, dass identische Bewerbungen mit „fremdklingenden“ Namen seltener zu Vorstellungsgesprächen führen
- Ungleiche Behandlung in Schulen: Kinder mit Migrationshintergrund werden überproportional häufig in niedrigere Schulformen empfohlen
- Fehlende Repräsentation: In Medien, Politik und Führungspositionen sind People of Color nach wie vor massiv unterrepräsentiert
Rassismus in der Schule
Besonders besorgniserregend sind die Zahlen für den Bildungsbereich: Laut der EU-Studie sind 37 Prozent der Schwarzen Schülerinnen und Schüler in österreichischen Schulen mit rassistischen Beleidigungen oder Drohungen konfrontiert. Im Vergleich zu 2016 gaben 2022 mehr Eltern an, dass ihre Kinder in der Schule von Rassismus betroffen sind – die Situation hat sich also verschlechtert.
Jugendliche afrikanischer Herkunft verlassen die Schule dreimal häufiger vorzeitig als Jugendliche allgemein. Besonders prekär: In einigen Ländern waren bis zu 76 Prozent der jungen Schwarzen Menschen weder in einem Arbeitsverhältnis noch in einer Ausbildung – verglichen mit 8 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Online-Rassismus
- Hasskommentare in sozialen Medien, die gezielt gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtet sind
- Rassistische Memes und „Witze“, die als Humor getarnt werden, aber verletzen
- Gezielte Hetze in Kommentarspalten unter Nachrichtenartikeln
- Doxxing (Veröffentlichung persönlicher Daten) mit rassistischem Hintergrund
- Rassistische Beschimpfungen in Online-Spielen und Gaming-Communities
Antimuslimischer Rassismus
Rassismus betrifft nicht nur Schwarze Menschen. Laut der FRA-Studie „Being Muslim in the EU“ ist Österreich das EU-Land, in dem Menschen am häufigsten antimuslimischen Rassismus erleben. Junge Musliminnen und Muslime, die in der EU geboren sind, und Frauen, die religiöse Kleidung tragen, sind besonders betroffen. Diskriminierung bei der Arbeitssuche, in der Schule und im öffentlichen Raum ist für viele muslimische Jugendliche in Österreich Alltag.
Was Rassismus mit der Psyche macht
Rassismus ist nicht „nur“ eine unangenehme Erfahrung. Er hat messbare Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit – besonders bei Jugendlichen, die sich noch in einer vulnerablen Entwicklungsphase befinden.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass betroffene Jugendliche ihre eigenen Qualitäten hinterfragen, Unsicherheiten entwickeln und verschiedene Bewältigungsstrategien nutzen müssen, um mit Diskriminierungserfahrungen umzugehen. Manche wandeln Stress und psychische Verletzungen in Wut oder Frustration um, andere ziehen sich zurück oder versuchen, sich möglichst unsichtbar zu machen.
Rassismus gilt unter anderem als möglicher Auslöser für:
- Traumaspezifische Stressreaktionen: Wiederkehrende belastende Erinnerungen, Schlafstörungen, Hypervigilanz
- Angstzustände: Soziale Angst, generalisierte Angst, Panikattacken
- Depressive Symptome: Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug
- Chronischer Stress: Ständige Anspannung und Wachsamkeit, die sich auf das Immunsystem, das Herz-Kreislauf-System und andere körperliche Funktionen auswirkt
- Identitätskonflikte: Das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen und nirgends wirklich dazuzugehören
- Verminderte Selbstwirksamkeit: Das Gefühl, dass die eigenen Leistungen nicht zählen, weil man ohnehin nach der Hautfarbe beurteilt wird
Die Gleichbehandlungsanwaltschaft berichtet: Über 90 Prozent der Betroffenen von Anti-Schwarzem Rassismus geben an, dass ihnen nicht geglaubt wird, wenn sie von Rassismus sprechen. Dieses Nicht-Ernst-Genommen-Werden verstärkt das Trauma zusätzlich und führt dazu, dass sich viele Betroffene erst gar nicht trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Als protektiver Faktor gilt laut der Forschung der offene familiäre Umgang mit dem Thema: Wenn Eltern ihre Kinder auf mögliche rassistische Erfahrungen vorbereiten und ihr Selbstbewusstsein stärken, können die negativen Auswirkungen gemildert werden.
Wenn du selbst unter den psychischen Folgen leidest, findest du in unserem Artikel Mental Health – warum es okay ist, sich mal nicht okay zu fühlen Anlaufstellen und Unterstützung.
Warum so wenige melden
Nur 9 Prozent der Betroffenen melden rassistische Diskriminierung. Lediglich 4 Prozent der rassistisch motivierten Vorfälle werden bei Antidiskriminierungsstellen gemeldet. Die Gründe dafür sind vielschichtig und verständlich:
- Nicht ernst genommen werden: Die Erfahrung, dass eigene Berichte heruntergespielt oder angezweifelt werden. „Das war bestimmt nicht so gemeint“ oder „Das bildest du dir ein“ sind Sätze, die Betroffene immer wieder hören
- Angst vor negativen Folgen: Die Sorge, dass eine Meldung die Situation verschlimmert – zum Beispiel am Arbeitsplatz oder in der Schule
- Resignation: Das Gefühl, dass eine Meldung ohnehin nichts ändert und der Aufwand sich nicht lohnt
- Mangelndes Wissen: Viele Betroffene wissen nicht, welche Anlaufstellen es gibt und welche Rechte sie haben
- Negative Erfahrungen mit Institutionen: Wer bei der Polizei oder bei Behörden schon negative Erfahrungen gemacht hat, wendet sich nicht gerne erneut an sie
- Normalisierung: Wenn rassistische Erfahrungen so häufig sind, werden sie irgendwann „normal“ – und man meldet sie nicht mehr, weil es einfach zu viele sind
Diese niedrige Meldequote führt zu einem verzerrten Bild: Weil so wenig gemeldet wird, erscheint das Problem kleiner, als es tatsächlich ist. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt. Jede Meldung zählt – nicht nur für den eigenen Fall, sondern auch für die Statistik und damit für die politische Aufmerksamkeit, die das Thema bekommt.
Was du tun kannst
Wenn du betroffen bist
- Nimm deine Erfahrungen ernst: Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist es das wahrscheinlich auch. Deine Gefühle sind berechtigt – lass dir von niemandem einreden, du würdest dir etwas einbilden
- Dokumentiere Vorfälle: Datum, Uhrzeit, Ort, beteiligte Personen, Zeugen, genaue Worte oder Handlungen. Diese Dokumentation kann später wichtig sein – sowohl für eine Meldung als auch für rechtliche Schritte
- Rede darüber: Mit Freundinnen und Freunden, Familie oder einer Beratungsstelle. Du musst das nicht allein tragen. Das Darüber-Sprechen ist nicht nur wichtig für dich, sondern hilft auch, das Schweigen zu brechen
- Melde rassistische Vorfälle: Bei ZARA, der Gleichbehandlungsanwaltschaft oder der Polizei. Jede Meldung zählt – auch wenn es sich nicht sofort so anfühlt. Du trägst damit dazu bei, das Problem sichtbar zu machen
- Kenne deine Rechte: Das Gleichbehandlungsgesetz verbietet rassistische Diskriminierung in der Arbeitswelt, beim Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, im Bildungsbereich und im Sozialbereich. Du hast das Recht auf Gleichbehandlung – und Institutionen, die dir dabei helfen, es durchzusetzen
- Such dir professionelle Unterstützung: Therapie oder Beratung kann helfen, rassistische Erfahrungen zu verarbeiten. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft bietet kostenlose und vertrauliche rechtliche Beratung in ihren Büros in Wien, Graz, Linz, Innsbruck und Klagenfurt
Wenn du Zeuge oder Zeugin wirst
- Nicht wegschauen: Zivilcourage bedeutet, hinzuschauen und einzugreifen – aber immer so, dass du dich nicht selbst in Gefahr bringst. Manchmal reicht es, einfach stehen zu bleiben und zu beobachten
- Solidarität zeigen: Frag die betroffene Person, ob sie Unterstützung braucht. Manchmal reicht es, einfach da zu sein und zu zeigen: Du bist nicht allein
- Dokumentiere den Vorfall: Als Zeugin oder Zeuge kannst du den Vorfall bei ZARA melden. Mach dir Notizen oder ein Video, wenn es sicher ist
- Im Alltag widersprechen: Wenn rassistische „Witze“ oder Kommentare fallen, sag etwas. Schweigen wird oft als Zustimmung gewertet. Du musst keine Rede halten – ein einfaches „Das finde ich nicht okay“ reicht schon
- Nachfragen: Wenn jemand einen rassistischen „Witz“ macht, frag nach: „Was genau meinst du damit?“ oder „Was ist daran lustig?“ Oft reicht das schon, um die Person zum Nachdenken zu bringen
Strukturell etwas verändern
- Bilde dich weiter: Lies Bücher, Artikel und Studien zum Thema. Folge Betroffenen auf Social Media und höre ihren Erfahrungen zu, statt sie zu kommentieren oder zu relativieren
- Reflektiere deine eigenen Vorurteile: Jeder Mensch hat unbewusste Vorurteile – auch du. Der erste Schritt ist, sich ihrer bewusst zu werden. Frag dich ehrlich: Wie reagierst du, wenn du eine Person of Color in einer Führungsposition siehst? Wenn du einen Namen auf einem Lebenslauf nicht „österreichisch“ findest?
- Unterstütze antirassistische Organisationen: Ob durch Spenden, ehrenamtliches Engagement oder das Verbreiten ihrer Arbeit – jede Unterstützung zählt
- Fordere politisches Handeln: 2020 sprach die Europäische Kommission eine Empfehlung für nationale Aktionspläne gegen Rassismus aus. In Österreich steht die Umsetzung noch aus. Laut einer Umfrage von 2024 finden 69 Prozent der Bevölkerung, dass der Staat mehr gegen Rassismus tun sollte. Fordere deine politischen Vertreterinnen und Vertreter auf, zu handeln
- Diversität fördern: In deinem eigenen Umfeld – in der Schule, im Verein, am Arbeitsplatz. Achte darauf, dass alle Stimmen gehört werden und dass niemand aufgrund von Herkunft oder Aussehen ausgeschlossen wird
Anlaufstellen in Österreich
- ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit: zara.or.at/de/beratung – kostenlose Beratung für Opfer und Zeugen rassistischer Handlungen. Telefon: +43 1 929 13 99. Bietet auch das Beratungszentrum #GegenHassimNetz für Online-Hassrede und !GegenRassismus für Offline-Diskriminierung. Auch anonyme Meldungen sind möglich
- Gleichbehandlungsanwaltschaft (GAW): gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at – hilft Menschen, ihr Recht auf Gleichbehandlung durchzusetzen. Kostenlose und vertrauliche rechtliche Beratung. Büros in Wien, Graz, Linz, Innsbruck und Klagenfurt. Kostenlose Hotline: 0800/20 61 19
- Klagsverband: Unterstützt Opfer von Diskriminierung und vertritt Einzelpersonen auch vor Gericht. Besonders hilfreich, wenn rechtliche Schritte erwogen werden
- Jugendportal – Diskriminierung und Rassismus: jugendportal.at – Informationen speziell für Jugendliche über ihre Rechte bei Diskriminierung
- Rat auf Draht: 147 – wenn du als Jugendlicher Rassismus erlebst und jemanden zum Reden brauchst. Kostenlos, anonym, rund um die Uhr erreichbar
- Volksanwaltschaft: Kann eingeschaltet werden, wenn staatliche Stellen diskriminierend handeln
Rassismus erkennen und verstehen – ein Glossar
Um Rassismus bekämpfen zu können, muss man ihn zunächst erkennen und benennen können. Hier die wichtigsten Begriffe, die du kennen solltest:
- Mikroaggressionen: Alltägliche, oft unbewusste Äußerungen oder Handlungen, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe verletzen. Einzeln erscheinen sie harmlos, aber in ihrer Summe sind sie zermürbend und schädlich
- Racial Profiling: Die Praxis, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Ethnie oder Religion verdächtig zu behandeln – zum Beispiel bei Polizeikontrollen, Einlasskontrollen oder Sicherheitschecks
- Struktureller Rassismus: Diskriminierung, die in den Strukturen und Systemen der Gesellschaft verankert ist – in Gesetzen, Institutionen, Bildungssystemen und wirtschaftlichen Strukturen. Im Gegensatz zu individuellem Rassismus geht es hier um systematische Benachteiligung
- Intersektionalität: Die Erkenntnis, dass verschiedene Formen von Diskriminierung sich überschneiden und verstärken können. Eine Schwarze Frau erlebt zum Beispiel sowohl Rassismus als auch Sexismus – und die Kombination ist mehr als die Summe beider Teile
- Allyship (Verbündetschaft): Die aktive Unterstützung von diskriminierten Gruppen durch Menschen, die selbst nicht betroffen sind. Es geht darum, das eigene Privileg zu nutzen, um strukturelle Veränderungen voranzutreiben
- Othering: Die Praxis, Menschen als „anders“ oder „fremd“ zu markieren und damit auszugrenzen. Die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ ist ein klassisches Beispiel
Was sich politisch ändern muss
Die Zahlen sind eindeutig, die Betroffenen sprechen deutlich, und selbst die Mehrheit der Bevölkerung erkennt das Problem an. Was fehlt, sind konsequente politische Maßnahmen:
- Nationaler Aktionsplan gegen Rassismus: Die EU-Kommission hat 2020 empfohlen, dass alle Mitgliedsstaaten nationale Aktionspläne gegen Rassismus erarbeiten. Österreich hat diese Empfehlung bisher nicht umgesetzt
- Bessere Datenerhebung: Um Rassismus effektiv zu bekämpfen, braucht es verlässliche Daten. Die niedrige Meldequote verzerrt das Bild
- Ausbildung von Polizei und Justiz: Schulungen zu unbewussten Vorurteilen und Racial Profiling müssen verpflichtend werden
- Antirassismus in der Schule: Rassismuskritische Bildung sollte fester Bestandteil des Lehrplans sein – nicht als einmaliger Workshop, sondern als durchgängiges Prinzip
- Diversität in Institutionen: Mehr Repräsentation von People of Color in Politik, Medien, Justiz und Verwaltung
- Stärkere Antidiskriminierungsgesetze: Das bestehende Gleichbehandlungsgesetz hat Lücken, die geschlossen werden müssen
Fazit – Rassismus geht uns alle an
Rassismus ist kein Problem der Betroffenen – es ist ein Problem der gesamten Gesellschaft. Und es wird nur besser, wenn alle hinschauen, zuhören und handeln. Die Zahlen sind alarmierend: 72 Prozent der Schwarzen Menschen in Österreich erleben Rassismus, 59 Prozent werden bei der Arbeitssuche diskriminiert, 37 Prozent der Schwarzen Schulkinder sind rassistischen Beleidigungen ausgesetzt. Und trotzdem werden nur 9 Prozent der Vorfälle gemeldet.
Wenn du selbst betroffen bist: Deine Erfahrungen sind real, sie sind wichtig, und du verdienst Unterstützung. Du bist nicht allein – und es gibt Institutionen wie ZARA, die Gleichbehandlungsanwaltschaft und den Klagsverband, die dir kostenlos und vertraulich helfen.
Wenn du nicht betroffen bist: Nutze dein Privileg, um Stellung zu beziehen. Höre zu. Lerne dazu. Reflektiere deine eigenen Vorurteile. Und sprich auf, wenn du Unrecht siehst – im Alltag, in der Schule, am Arbeitsplatz, in sozialen Medien. Schweigen hilft nur den Täterinnen und Tätern.
Denn eine Gesellschaft, in der Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion benachteiligt werden, ist keine gerechte Gesellschaft. Und Gerechtigkeit ist kein Geschenk – sie muss erkämpft werden. Von uns allen. Jeden Tag. In jeder kleinen und großen Situation.
Wenn dich das Thema Gleichberechtigung und Vielfalt interessiert, lies auch unseren Artikel Gleichberechtigung und Vielfalt – was junge Menschen fordern.