Frauen in MINT-Berufen – warum Technik nicht nur Männersache ist

Stell dir vor, du bist ein Mädchen und interessierst dich für Physik, Programmieren oder Robotik. Du erzählst das zu Hause und hörst: „Ist das nicht eher was für Jungs?“ Oder du sitzt im Informatikunterricht und bist eines von zwei Mädchen unter zwanzig Burschen. Oder du googelst „Ingenieurin“ und findest hauptsächlich Stockfotos von Männern mit Schutzhelmen.

Willkommen in der Realität von MINT in Österreich. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – Bereiche, in denen Frauen immer noch massiv unterrepräsentiert sind. Aber nicht, weil sie es nicht können. Sondern weil ihnen seit Jahrzehnten eingeredet wird, es wäre nicht ihr Ding. Dabei zeigen Studien und Statistiken immer wieder: Das Problem liegt nicht an den Fähigkeiten der Frauen, sondern an den Strukturen, Vorurteilen und Rollenbildern, die ihnen den Zugang erschweren.

Das Wichtigste in Kürze

  • In österreichischen Unternehmen liegt der Frauenanteil in Forschung und Entwicklung bei nur 16,1 Prozent
  • Nur 19 Prozent der Informatikstudierenden und 22 Prozent im Ingenieurwesen sind Frauen
  • Drei Viertel der befragten Eltern halten Burschen für „besser geeignet“ für Naturwissenschaft und Technik
  • Nur 5 Prozent der Mädchen können sich einen technischen Beruf vorstellen – bei Burschen sind es 38 Prozent
  • Schon ein halbtägiger Workshop mit weiblichen Vorbildern kann Stereotype nachweislich abbauen
  • MINT-Berufe bieten überdurchschnittliche Gehälter und hervorragende Zukunftsperspektiven

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Weltweit sind laut UNO rund ein Drittel aller in der Forschung tätigen Personen Frauen. In Österreich ist es sogar nur ein Viertel. Laut science.ORF.at liegt der Frauenanteil im Unternehmenssektor, der 70 Prozent der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung umfasst, bei mageren 16,1 Prozent. An den Hochschulen liegt der Anteil zwar bei 45,5 Prozent – aber das verzerrt das Gesamtbild, weil der viel größere Unternehmensbereich so stark männerdominiert ist.

An den Universitäten sieht es kaum besser aus: Laut Stepstone sind an öffentlichen Universitäten nur 37 Prozent der MINT-Studierenden Frauen. An Fachhochschulen ist es sogar nur jede vierte Studierende. Und innerhalb der MINT-Fächer gibt es große Unterschiede: In der Biologie liegt der Frauenanteil bei 61 Prozent, in der Informatik bei nur 19 Prozent und im Ingenieurwesen bei 22 Prozent.

Besonders alarmierend: Nur 28 Prozent der Frauen mit MINT-Abschluss arbeiten tatsächlich in einem MINT-Beruf – verglichen mit 57 Prozent der Männer. Dieses Phänomen nennt man den „Drehtüreffekt“: Frauen kommen in MINT-Berufe hinein, verlassen sie aber überproportional häufig wieder. Das bedeutet, dass selbst die Frauen, die sich für eine MINT-Ausbildung entscheiden, nach dem Abschluss häufig in andere Bereiche wechseln.

Der Gender Pay Gap in MINT und darüber hinaus

Österreich gehört innerhalb der EU zu den Ländern mit dem größten geschlechtsspezifischen Lohnunterschied. Laut dem Bericht „Frauen und Männer in Österreich 2024“ des Bundesministeriums hat sich der Lohnunterschied in der Privatwirtschaft von 22,2 Prozent im Jahr 2014 auf 17,6 Prozent im Jahr 2024 verringert – aber Österreich war im EU-Vergleich dennoch das Land mit dem dritthöchsten Gender Pay Gap.

Konkret verdiente eine vollzeitbeschäftigte Frau im Jahr 2024 im Schnitt 7.250 Euro weniger als ein Mann. Die Teilzeitquote der Frauen lag bei 51,1 Prozent – der zweithöchste Wert in der gesamten EU nach den Niederlanden. MINT-Berufe bieten hier eine echte Chance: Sie gehören zu den bestbezahlten Karrierewegen überhaupt, und wer in diesen Bereichen arbeitet, verdient deutlich über dem Durchschnitt.

Warum gibt es so wenige Frauen in MINT?

Vorurteile beginnen früh – sehr früh

Drei Viertel der befragten Eltern halten Burschen für „besser geeignet“ für Naturwissenschaft und Technik als Mädchen – das ergab eine Studie, über die science.ORF.at berichtet hat. Diese elterliche Einstellung wirkt sich direkt auf die Berufswünsche der Kinder aus.

Eine DIW-Studie liefert konkrete Zahlen: Nur 5 Prozent der 12- bis 14-jährigen Mädchen können sich einen technischen Beruf für sich vorstellen. Bei Burschen sind es 38 Prozent – fast achtmal so viel. Und nur 21 Prozent der Mädchen berichten, dass zu Hause über Technik gesprochen wird, verglichen mit 41 Prozent der Burschen.

Viele Mädchen ziehen technische Berufe gar nicht erst in Betracht, weil falsche Vorstellungen vorherrschen: dass man für Technik ausgezeichnete Mathematiknoten braucht, dass es nur um Maschinen geht, oder dass man als Frau dort nicht willkommen ist. Diese Vorurteile werden oft unbewusst weitergegeben – durch Eltern, Lehrkräfte, Medien und die Gesellschaft insgesamt.

Der Selbstvertrauens-Gap

Die DIW-Studie hat noch etwas Spannendes herausgefunden: In einem Experiment, bei dem Schülerinnen und Schüler ein MINT-Quiz lösen mussten, haben Mädchen ihre eigene Leistung systematisch unterschätzt – obwohl sie genauso gut abschnitten wie die Burschen. Das bedeutet: Es geht nicht um tatsächliche Fähigkeiten, sondern um die Selbstwahrnehmung. Mädchen trauen sich weniger zu, auch wenn sie objektiv gleich gut sind.

Dieser „Confidence Gap“ ist kein angeborenes Merkmal, sondern das Ergebnis jahrelanger Sozialisation. Wenn du als Mädchen immer wieder hörst, dass Technik „Männersache“ ist, verinnerlichst du das irgendwann – und es beeinflusst deine Berufswahl, dein Selbstvertrauen und deine Ambitionen.

Fehlende Vorbilder

In technischen Branchen gibt es wenige Frauen in führenden Positionen, an denen sich junge Mädchen orientieren können. Ohne solche Vorbilder fällt es schwer, sich selbst in einem MINT-Beruf vorzustellen. Medien verstärken das Problem, indem sie Technik und Wissenschaft nach wie vor überwiegend männlich darstellen. Filme zeigen den „genialen Programmierer“ fast immer als Mann, Tech-Konferenzen haben überwiegend männliche Speaker, und in Schulbüchern kommen Wissenschaftlerinnen nur am Rande vor.

Dabei hat die Forschung klar gezeigt, dass Vorbilder einen enormen Unterschied machen. Die bereits erwähnte DIW-Studie belegt: Schon ein halbtägiger Workshop mit weiblichen Rollenvorbildern kann geschlechterstereotype Denkweisen in Bezug auf Technik messbar verändern. Bei Burschen sanken die stereotypen Einstellungen um 7,7 Prozent, bei Mädchen um 4,7 Prozent. Das zeigt: Veränderung ist möglich – und sie muss nicht einmal aufwendig sein.

Gesellschaftliche Rollenbilder und der Vereinbarkeitsfaktor

Nahezu 60 Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten in frauendominierten Berufen. Diese Segregation beginnt nicht erst bei der Berufswahl, sondern viel früher – bei der Frage, welches Spielzeug Kinder bekommen und welche Fächerinteressen gefördert werden. Mädchen bekommen Puppen und Bastelsachen, Burschen bekommen Lego Technic und Experimentierkästen – und so werden die Weichen schon im Kinderzimmer gestellt.

Frauen würden laut Studien zwar langfristig in Unternehmen bleiben, wandern aber speziell nach dem ersten Kind in technische Randbereiche ab, die sich leichter mit Teilzeitarbeit vereinbaren lassen. Das Problem liegt hier nicht bei den Frauen, sondern bei den Strukturen: Zu wenig flexible Arbeitsmodelle, zu wenig Kinderbetreuung, zu viel Präsenzkultur. Wenn ein Unternehmen erwartet, dass alle bis 20 Uhr im Büro sitzen, dann trifft das Frauen überproportional – weil sie nach wie vor den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit leisten.

Unternehmenskultur und Alltagssexismus

Selbst Frauen, die den Einstieg in MINT schaffen, sehen sich oft mit einer unwirtlichen Unternehmenskultur konfrontiert. Von sexistischen Witzen über „Mansplaining“ bis hin zu systematischer Nicht-Beachtung in Meetings: Viele Frauen in technischen Berufen berichten, dass sie ständig beweisen müssen, dass sie dazugehören. Das ist ermüdend – und ein wesentlicher Grund für den Drehtüreffekt.

Studien zeigen außerdem, dass Frauen in Bewerbungsprozessen für technische Positionen unbewusst diskriminiert werden. Identische Lebensläufe werden schlechter bewertet, wenn ein weiblicher Name darauf steht. Frauen müssen für dieselbe Beförderung mehr leisten als ihre männlichen Kollegen. Und bei Gehaltsverhandlungen werden sie häufiger als „zu fordernd“ wahrgenommen.

Was MINT-Berufe wirklich sind – jenseits der Klischees

Viele Mädchen und junge Frauen haben ein falsches Bild von MINT-Berufen. Sie denken an einsame Programmierer in dunklen Kellern oder an ölverkrustete Mechaniker in Fabrikhallen. Die Realität sieht völlig anders aus:

  • MINT ist Teamarbeit: Die meisten technischen Projekte werden in Teams bearbeitet – Kommunikation und Zusammenarbeit sind essenziell. Ob bei der Entwicklung einer App, der Planung einer Brücke oder der Forschung an neuen Medikamenten: Niemand arbeitet allein
  • MINT ist kreativ: Ob App-Design, Architektur, Biomedizin oder Spieleentwicklung – viele MINT-Berufe erfordern enorme Kreativität. Eine Software-Entwicklerin ist genauso kreativ wie eine Grafikdesignerin, nur mit anderen Werkzeugen
  • MINT löst echte Probleme: Klimawandel, Gesundheitsversorgung, erneuerbare Energien, sauberes Trinkwasser, nachhaltige Mobilität – die größten Herausforderungen unserer Zeit werden mit MINT-Wissen gelöst. Wer die Welt verbessern will, findet in MINT-Berufen die wirksamsten Hebel
  • MINT ist vielfältig: Von Datenwissenschaft über Umwelttechnik bis hin zu Spieleentwicklung, von Biomedizin bis Raumfahrttechnik, von Cybersecurity bis Lebensmitteltechnologie – die Bandbreite ist riesig
  • MINT ist gut bezahlt: MINT-Berufe gehören zu den bestbezahlten Karrierewegen überhaupt. In Österreich verdienen MINT-Absolventinnen und -Absolventen deutlich über dem Durchschnitt
  • MINT ist zukunftssicher: In einer zunehmend digitalisierten Welt werden technische Kompetenzen immer wichtiger. Der Fachkräftemangel in MINT-Bereichen sorgt dafür, dass die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften weiter steigt

Mehr über digitale Berufe und ihre Zukunftsperspektiven erfährst du in unserem Artikel Digitale Berufe der Zukunft.

Vorbilder, die inspirieren

Es gibt zahlreiche Frauen, die in MINT Großartiges geleistet haben – auch wenn sie in Geschichtsbüchern oft übergangen werden. Hier sind einige, die du kennen solltest:

  • Hedy Lamarr – die österreichisch-amerikanische Schauspielerin erfand ein Frequenzsprungverfahren, das die Basis für WLAN und Bluetooth bildet. Ja, richtig gelesen: Eine Österreicherin hat die technologische Grundlage für das Internet, wie wir es heute nutzen, mitentwickelt
  • Marie Curie – Physikerin und Chemikerin, zweifache Nobelpreisträgerin. Sie war die erste Frau, die einen Nobelpreis erhielt, und die einzige Person, die in zwei verschiedenen Naturwissenschaften ausgezeichnet wurde
  • Ada Lovelace – schrieb das erste Computerprogramm der Welt – im 19. Jahrhundert, lange bevor es überhaupt Computer gab. Sie erkannte als Erste das Potenzial der Maschine über reine Berechnungen hinaus
  • Katherine Johnson – Mathematikerin bei der NASA, berechnete die Flugbahnen für die Apollo-Missionen. Ohne ihre Berechnungen wäre die Mondlandung nicht möglich gewesen
  • Maryam Mirzakhani – erste Frau, die die Fields-Medaille in Mathematik erhielt, die höchste Auszeichnung in der Mathematik
  • Lise Meitner – die österreichische Physikerin lieferte die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung. Obwohl ihr männlicher Kollege Otto Hahn den Nobelpreis dafür erhielt, wird sie heute als die eigentliche Entdeckerin anerkannt
  • Ingeborg Hochmair – die österreichische Wissenschaftlerin und Unternehmerin entwickelte das erste moderne Cochlea-Implantat und ermöglichte damit tausenden gehörlosen Menschen das Hören

Diese Frauen haben bewiesen, dass Geschlecht nichts mit Begabung zu tun hat. Und sie sind nur die Spitze des Eisbergs – weltweit arbeiten Millionen von Frauen in MINT-Berufen und leisten Außerordentliches.

Initiativen und Programme in Österreich

Die gute Nachricht: Es gibt zahlreiche Programme, die Mädchen und junge Frauen für MINT begeistern wollen. Die weniger gute Nachricht: Trotz jahrzehntelanger Bemühungen hat sich an den Zahlen bisher wenig geändert. Die Quantenphysikerin Francesca Ferlaino bringt es auf den Punkt: „Wir haben den Gender Gap in den letzten zehn Jahren so viel diskutiert, aber die Statistiken zeigen keine wirkliche Verbesserung.“

Girls‘ Day

Am jährlichen Girls‘ Day öffnen Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihre Türen für Mädchen ab 10 Jahren. Sie können technische Berufe hautnah erleben, Workshops besuchen und mit Frauen aus MINT-Berufen sprechen. Schon im Kindergartenalter gibt es den Girls‘ Day Mini, der spielerisch das Interesse an Naturwissenschaft und Technik fördert. Der Girls‘ Day findet in ganz Österreich statt und wird von den jeweiligen Landesregierungen koordiniert.

FiT – Frauen in Technik

Das AMS-Programm FiT fördert Frauen, die eine technische oder handwerkliche Ausbildung anstreben. Es umfasst Beratung, Vorbereitung und finanzielle Unterstützung während der Ausbildung. Über 200 Berufe werden durch das Programm gefördert, viele davon fallen in die Kategorie der Green Jobs. Besonders praktisch: Der FiT-Gehaltsrechner ermöglicht es Frauen, die Verdienstmöglichkeiten in technischen Berufen mit denen in frauendominierten Berufen zu vergleichen.

MINT-Girls Challenge

Ein Wettbewerb, der Mädchen zwischen 4 und 19 Jahren einlädt, Ideen und Experimente einzureichen, um sie zur Beschäftigung mit MINT-Fächern zu motivieren. Die Challenge wird vom Bundesministerium für Klimaschutz unterstützt und bietet attraktive Preise für die besten Einreichungen.

Sprungbrett Wien

Der Verein bietet Beratungsgespräche, Berufsorientierungs-Workshops und Ausbildungstrainings speziell für Mädchen und junge Frauen. Im Mai vergibt er den jährlichen amaZone-Award für Unternehmen, die sich für die Förderung weiblicher Lehrlinge einsetzen. Sprungbrett Wien ist eine wichtige Anlaufstelle für Mädchen in Wien, die über ihre beruflichen Möglichkeiten informiert werden möchten.

Let’s Empower Austria (LEA)

Ein Role-Model-Programm, das erfolgreiche Frauen aus MINT-Berufen mit Schülerinnen zusammenbringt. Studien des DIW Berlin haben die Wirksamkeit solcher Programme wissenschaftlich belegt: Schon ein halbtägiger Workshop mit weiblichen Vorbildern kann geschlechterstereotype Denkweisen messbar verändern.

TU Wien und TU Graz Initiativen

Beide technischen Universitäten bieten spezielle Programme an, um Mädchen und junge Frauen für ein technisches Studium zu begeistern. Von Schnuppertagen über Mentoring-Programme bis hin zu Girls-only-Workshops: Die TUs setzen auf direkte Ansprache und persönliche Begleitung.

Tipps für Mädchen, die sich für MINT interessieren

1. Ignoriere die Stereotypen

Wenn jemand sagt „Das ist nichts für Mädchen“, ist das keine Aussage über deine Fähigkeiten – es ist eine Aussage über die Vorurteile dieser Person. Lass dich nicht davon abhalten, dem nachzugehen, was dich interessiert. Erinnere dich an Hedy Lamarr, Lise Meitner und die vielen anderen Frauen, denen dasselbe gesagt wurde – und die trotzdem Großes geleistet haben.

2. Probiere es aus

Nimm am Girls‘ Day teil, besuche eine Coding-Class, melde dich für einen Robotik-Workshop an. Du musst nicht sofort wissen, ob MINT dein Ding ist – ausprobieren ist der erste Schritt. Viele Unternehmen und Organisationen bieten kostenlose Schnupperangebote an, die dir einen Einblick in technische Berufe geben.

3. Such dir Vorbilder

Folge Frauen in MINT auf Social Media, lies ihre Geschichten, hör ihre Podcasts. Zu sehen, dass andere Frauen es geschafft haben, macht den eigenen Weg vorstellbarer. Auf Plattformen wie LinkedIn, Instagram und YouTube findest du zahlreiche Frauen, die über ihren Alltag in technischen Berufen berichten.

4. Nutze Online-Ressourcen

Es gibt unzählige kostenlose Ressourcen zum Einstieg: freeCodeCamp zum Programmierenlernen, Khan Academy für Mathematik und Naturwissenschaften, Scratch für erste Programmiererfahrungen. Auch Plattformen wie Coursera und edX bieten kostenlose Kurse von Top-Universitäten an. Du brauchst nur einen Computer und Internetanschluss – und schon kannst du loslegen.

5. Verbinde dich mit Gleichgesinnten

Such dir andere Mädchen und Frauen, die sich für MINT interessieren. Gemeinsam lernen, sich gegenseitig motivieren und Erfahrungen teilen macht den Weg leichter. Es gibt zahlreiche Communities und Netzwerke speziell für Frauen in MINT – online und offline.

6. Nutze die Förderprogramme

Informiere dich über das AMS-Programm FiT, die MINT-Girls Challenge und andere Fördermöglichkeiten. Diese Programme sind speziell dafür da, Mädchen und junge Frauen in MINT zu unterstützen – nutze sie!

7. Sprich mit Menschen, die in MINT-Berufen arbeiten

Nichts ersetzt ein persönliches Gespräch mit jemandem, der den Beruf tatsächlich ausübt. Frag in deinem Umfeld, ob du jemanden treffen oder begleiten darfst. Die meisten Menschen erzählen gerne von ihrer Arbeit – und du bekommst einen viel realistischeren Eindruck als durch jede Broschüre.

Was Eltern und Lehrkräfte tun können

Die Verantwortung liegt nicht nur bei den Mädchen selbst. Eltern und Lehrkräfte spielen eine entscheidende Rolle dabei, ob Mädchen technische Interessen entwickeln und verfolgen:

  • Geschlechtsneutrales Spielzeug: Kauft Mädchen genauso Experimentierkästen, Baukästen und Technik-Spielzeug wie Burschen. Interesse für Technik beginnt im Kinderzimmer
  • Über Technik reden: Sprecht zu Hause über technische Themen – mit Mädchen genauso wie mit Burschen. Die Studie zeigt: Wenn zu Hause über Technik gesprochen wird, steigt das Interesse bei beiden Geschlechtern
  • Ermutigend statt bremsend: Wenn ein Mädchen sich für Programmieren oder Physik interessiert, ermutige sie aktiv – statt zu sagen „Das ist aber schwer“ oder „Bist du sicher?“
  • Eigene Vorurteile reflektieren: Fragt euch ehrlich: Würdet ihr eurem Sohn einen technischen Beruf eher zutrauen als eurer Tochter? Wenn ja, warum?
  • Mädchen in den Unterricht einbeziehen: Lehrkräfte sollten darauf achten, Mädchen in MINT-Fächern genauso oft aufzurufen, zu loben und herauszufordern wie Burschen

Was sich ändern muss

Für einen echten Wandel braucht es Veränderungen auf mehreren Ebenen. Die Quantenphysikerin Francesca Ferlaino fordert laut science.ORF.at ein zentrales Monitoring, um herauszufinden, welche Initiativen tatsächlich wirken – damit man die erfolgreichen Programme ausbauen kann statt weiter unkoordiniert zu arbeiten:

  • In der Familie: Eltern sollten Mädchen genauso in technischen Interessen bestärken wie Buben. Das beginnt bei der Spielzeugwahl und geht bis zu den Gesprächen am Esstisch
  • In der Schule: Lehrkräfte müssen geschult werden, geschlechtsneutral zu unterrichten und Mädchen aktiv in MINT-Fächern zu fördern. Medienkompetenz und digitale Grundbildung sollten verpflichtend sein
  • In Unternehmen: Flexible Arbeitsmodelle, Mentoring-Programme, eine Kultur, die Vielfalt aktiv fördert, und faire Bewerbungsprozesse ohne unbewusste Vorurteile
  • In der Politik: Ein nationaler Aktionsplan mit messbaren Zielen und einem zentralen Monitoring der Maßnahmen. Mehr Investitionen in Kinderbetreuung und Ganztagesschulen
  • In den Medien: Mehr Sichtbarkeit von Frauen in MINT – als Vorbilder, Expertinnen und Protagonistinnen. Weniger Klischees, mehr Realität

Wenn dich das Thema Gleichberechtigung interessiert, lies auch unseren Artikel Gleichberechtigung und Vielfalt – was junge Menschen fordern.

Warum diverse Teams bessere Ergebnisse liefern

Es gibt auch ein handfestes wirtschaftliches Argument für mehr Frauen in MINT: Diverse Teams liefern nachweislich bessere Ergebnisse. Studien von McKinsey zeigen, dass Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil im Management profitabler sind. Warum? Weil unterschiedliche Perspektiven zu kreativeren Lösungen führen, blinde Flecken aufdecken und Produkte entwickeln, die besser auf die Bedürfnisse aller Nutzerinnen und Nutzer eingehen.

Ein bekanntes Beispiel: Die ersten Airbags in Autos waren ausschließlich für männliche Körper getestet worden – mit fatalen Folgen für Frauen und Kinder. Wenn Frauen an der Entwicklung beteiligt gewesen wären, wäre das vermutlich nicht passiert. Ähnliche Beispiele gibt es in der Medizin (Medikamente, die hauptsächlich an Männern getestet werden), in der Technologie (Spracherkennungssysteme, die weibliche Stimmen schlechter verstehen) und in vielen anderen Bereichen.

Fazit – MINT braucht Frauen. Und Frauen brauchen MINT

Die Unterrepräsentation von Frauen in MINT ist kein Naturgesetz – sie ist das Ergebnis von Stereotypen, fehlenden Vorbildern und strukturellen Barrieren. All das lässt sich ändern. Und es muss sich ändern – nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen, sondern weil diverse Teams nachweislich bessere Ergebnisse liefern und weil der Fachkräftemangel in MINT-Berufen ein ernstes wirtschaftliches Problem ist.

Die Zahlen in Österreich sind ernüchternd: Nur 16,1 Prozent in Unternehmen, nur 5 Prozent der Mädchen, die sich einen technischen Beruf vorstellen können, drei Viertel der Eltern mit geschlechterstereotypen Vorstellungen. Aber es gibt auch Hoffnung: Programme wie FiT, der Girls‘ Day und Role-Model-Workshops zeigen, dass Veränderung möglich ist – wenn man sie gezielt und konsequent umsetzt.

Wenn du ein Mädchen bist und dich für Technik, Naturwissenschaften oder Mathematik interessierst: Trau dich. Du gehörst dorthin – genauso wie jeder andere. Dein Geschlecht sagt nichts über deine Fähigkeiten aus. Und die Welt braucht deine Perspektive – dringender als je zuvor.

Und wenn du ein Bursche bist und bis hierher gelesen hast: Gut so. Denn echte Gleichberechtigung funktioniert nur, wenn alle daran mitarbeiten. Unterstütze die Mädchen in deinem Umfeld, die sich für MINT interessieren. Widersprich, wenn jemand sagt, Technik sei „nichts für Mädchen“. Und sei ein Verbündeter auf dem Weg zu einer Welt, in der nicht das Geschlecht, sondern das Interesse und die Fähigkeit über die Berufswahl entscheiden.